Alexander Skrjabin – Synästhet und VisionärIn "Prometheus“ untermalt ein Lichtklavier Tonarten mit Farben
Der russische Komponist revolutionierte vor 100 Jahren die Klaviermusik. Mit seinem "Mysterium" wollte er ein Gesamtkunstwerk aus Klang, Farbe und Duft schaffen.
Alexander Skrjabin, geboren 1872 in Moskau, war ein musikalischer Visionär und Wegbereiter der Musik des 20. Jahrhunderts. Als virtuoser Pianist komponierte er überwiegend für das Klavier und etablierte in der Klaviermusik einige Neuerungen, so prägte er zum Beispiel die einsätzige Sonatenform. Skrjabins Abkehr von der Dur-Moll-Harmonik: der "mystische Akkord“Zu Beginn seiner Schaffensphase war er noch fest in der romantischen Tradition verhaftet und eiferte den großen Klavierkomponisten Franz Liszt und Frédéric Chopin nach, wobei er jedoch einen ureigenen russisch eingefärbten Stil herausbildete. Bald befasste er sich auch mit der Musik Richard Wagners und dessen frühem Ausbruchsversuch aus der Dur-Moll-Harmonik, die im "Tristan-Akkord“ zum Ausdruck kam. Skrjabin ließ sich von diesem Zwitterwesen zwischen Dur- und Moll-Akkord zu seinem Quarten schichtenden "mystischen Akkord“ (C-FIS-B-E-A-D) inspirieren, der sich ebenfalls einer Einstufung in die Dur-Moll-Skala entzieht und durch die häufige Verwendung in seinem berühmten späten Werk auch als "Prometheus-Akkord“ bekannt wurde. Die Vision vom "Mysterium“: Verschmelzung aller SinneEr wird heute jedoch nicht nur wegen seiner harmonischen Vorstöße in Richtung der Atonalität als Wegbereiter für die Zwölftontechnik angesehen, sondern gilt auch wegen seiner Idee einer Verschmelzung verschiedener Künste und Sinneswahrnehmungen als musikalischer Vorseher und Vorreiter. Skrjabin begann im Alter von knapp 20 Jahren an seinem christlichen Glauben zu zweifeln, und befasste sich seither immer eingehender mit theosophisch-mystischer Philosophie. Er strebte zum Lebensende hin, das ihn schon unerwartet 1915 im Alter von 43 Jahren ereilen sollte, ein Gesamtkunstwerk an, in dem sich Klänge zusammen mit Farben, Düften und weiteren Sinnesreizen zu einer gigantischen künstlerischen Einheit entfalten sollten. Das Projekt mit dem Arbeitstitel "Mysterium“ konnte er jedoch nicht mehr vollenden. Das Phänomen der Synästhetik: Farben hören und Töne sehenAlexander Skrjabin war als Synästhet in gewissem Umfang in der Lage, Klänge mit Farben zu assoziieren. Das Phänomen der Synästhetik, das auch als Kombination anderer Sinneswahrnehmungen erscheinen kann, tritt am häufigsten als Assoziation von Tönen oder Tonarten mit Farben auf und findet sich bei etwa jedem 500sten bis 1000sten erwachsenen Menschen. Allerdings hat sich in den wenigen bisherigen Untersuchungen dieser Begabung bislang nicht feststellen lassen, dass etwa alle Befähigten bestimmte Klänge auch als ähnliche Farben empfinden. Vielmehr kann dem einen ein Ton als hellblau erscheinen, den ein anderer zweifelsfrei als grün identifiziert. Über Skrjabins persönliche Assoziationsfähigkeit berichten zwei Zeitgenossen, Leonid Sabaneev und Charles Myers, zum Teil Unterschiedliches. Ihre Versuche, Skrjabins Farbwahrnehmung systematisch aufzuzeichnen, zeigen im Ergebnis verschiedene Farbverläufe. Da Sabaneev die gleiche Muttersprache sprach wie Skrjabin, während bei Myers durch die beiderseitige Übersetzung der persönlichen Gespräche ins Französische Verständigungsfehler leicht vorstellbar sind, gilt das System Sabeneevs heute als zuverlässiger. Die Ton-Farb-Zuordnung Alexander Skrjabins nach SabaneevSkrjabin soll nach den Beobachtungen von Leonid Sabaneev zumindest die Grundfarben Rot, Gelb und Blau mit den Durtonarten, C, D und Fis spontan in Verbindung gebracht haben, wobei zu bedenken bleibt, dass er nicht über ein absolutes Gehör verfügte, die Farben also nur "sehen“ konnte, wenn er die Grundtöne bewusst spielte oder aufschrieb. Von diesem dreifarbigen Grundmodell aus konstruierte er anhand der Sekundärfarben den weiteren Farbverlauf für alle 12 Töne der chromatischen Tonleiter, wobei er immer den Quintabstand als nächstgelegenen Ton empfand, dem er die nächste Sekundärfarbe zuordnete. Dieses Farbkonzept entsprang also – nach Sabaneevs Schilderung – nicht gänzlich Skrjabins ursprünglichem Empfinden und wird kaum von anderen Menschen in ihrer Wahrnehmung spontan geteilt werden können, selbst wenn sie synästhetische Fähigkeiten haben. Es lässt sich dem menschlichen Gehör aber wahrscheinlich antrainieren, so wie es sich mit einiger Übung auch bei Skrjabin selbst immer tiefer eingeprägt hat. "Prometheus – Das Poème des Feuers“: Sinfonie für Orchester und Farbenklavier"Promethée. Le Poème du feu“ op. 60, eine Sinfonie für großes Orchester, Chor, Klavier, Orgel und ein Farbenklavier, beendete Skrjabin als Etappe auf dem Weg zum "Mysterium“ 1910. Mit dem speziell zu konstruierenden Farbenklavier, das passend zur Musik den gesamten Saal mit farbigem Licht fluten sollte, stellte er die Inszenierenden jedoch vor eine zu seiner Zeit schwer lösbare Aufgabe. Die Uraufführung in Moskau 1911 musste mangels funktionsfähiger Lichtapparatur ohne die extra komponierte Luce-Stimme stattfinden. Erst 1915, kurz nach Skrjabins Tod, wurde das Werk in New York mit einer Art Lichtorgel und Projektionen auf eine Leinwand aufgeführt, von den Zuschauern aber mehrheitlich als willkürliches Spektakel empfunden, da ein Zusammenhang zwischen Tonarten und Farben sich den meisten nicht erschloss. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlaubte die fortentwickelte Technik eine Umsetzung, die den Vorstellungen Skrjabins nahe kommen könnte. Da der Komponist allerdings seine Lichtstimme nicht etwa in schriftlichen Farbanweisungen, sondern in Noten verfasst hat, besteht weiterhin bei jeder der sehr seltenen und enorm aufwändigen Aufführungen eine besondere Herausforderung darin, die persönliche Farbwahl Skrjabins möglichst genau umzusetzen.
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